Andachten

Darf ich als Christ klagen?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber keine Rettung ist in Sicht, ich rufe, aber jede Hilfe ist weit entfernt! (Psalm 22,2)

Vor etwa 2000 Jahren schrie Christus, zerschlagen am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist ein Schrei, dessen Hall bis in die heutige Zeit hineinreicht. Auch heute erinnern wir uns immer wieder, sei es in Predigten, beim Abendmahl oder an Karfreitag, an diesen Ausruf zurück. Ein Ausruf, der mit einem so schrecklichen und doch so wichtigen Ereignis in Verbindung steht: Der Kreuzestod Jesu. In diesem Ausruf drückt Jesus aus, wie er sich am Kreuz fühlte: verlassen. Die Sünde aller Gläubigen und somit der Zorn Gottes lagen auf ihm.

Psalm 22 macht deutlich, dass Jesus aber nicht der erste war, der sich von Gott verlassen fühlte. Jesus rief am Kreuz nichts Anderes als einen Psalmabschnitt Davids aus. David drückte durch diese Frage sein Klagen aus, Jesus drückte durch diese Frage seine Klage aus, doch wie sieht es eigentlich mit dir aus? Klagst du auch?

Mir kommt es so vor, als stehe das Klagen unter uns Christen heutzutage nicht mehr all zu hoch im Kurs. Was man stattdessen findet sind lachende, strahlende und selbstbewusste Gesichter. Von Klage ist keine Spur. „Wieso auch?“, könnte man meinen, „als Christ klagt man nicht. Das gehört sich nicht. Man muss nun mal fröhlich sein, da uns Jesus doch fröhlich gemacht hat.“ Doch mit dieser Haltung stürzt man sich nur noch mehr ins Chaos. Denn solch ein Denken lässt keinen Platz fürs Klagen. Geht es jemandem schlecht, so schaut er sich um und merkt: „Hier scheint irgendwie jeder zufrieden. Bin ich etwa der einzige, dem etwas fehlt?“ Und man kommt schnell ins Zweifeln. Statt seiner Klage Ausdruck zu verleihen, überspielt man die Trauer und passt sich dem Rest an.

Dabei zeigt uns David doch etwas ganz Anderes. Er zeigt uns: In eine gesunde Gottesbeziehung gehört die Klage. Sie ist sogar ein wichtiger Bestandteil davon. Oftmals wollen wir sofort das, was am Ende des Psalms 22 steht: „Der HERR hat alles vollbracht!“ (V.22) Wir wollen nicht Klagen, wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir schwach sind und Hilfe brauchen. Wir wollen sofort, dass alles vollbracht und somit alles gut ist. Doch dann würden wir den wichtigsten Teil überspringen.

David füllt den Psalm mit schrecklichen Bilder, er drückt seine innere Angst aus, er zeigt sich schwach und hilflos. Er sagt: Ich brauche dich, Gott. Und das ist der erste Schritt zur Besserung. Es ist der Schritt hin zum „Es ist vollbracht.“ Denn ohne ein „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ gibt es kein „Es ist vollbracht.“ Das hat uns David gezeigt, das hat uns Jesus gezeigt und du wirst sehen, das wird dir auch die Klage in deinem Leben zeigen. Zum Schluss also nochmal die Frage: Klagst du auch?