Allgemein, Andachten

Ein starker schwacher Mann | 5/7

„Und er fand einen noch frischen Unterkiefer eines Esels, und er streckte seine Hand aus, nahm ihn und erschlug damit tausend Mann. Und Simson sprach: Mit dem Unterkiefer des Esels schlug ich einen Haufen, zwei Haufen! Mit dem Unterkiefer des Esels erschlug ich tausend Mann! Und es geschah, als er ausgeredet hatte, warf er den Unterkiefer aus seiner Hand. Und man nannte jenen Ort Ramat-Lehi. Und er hatte großen Durst. Da rief er zu dem HERRN und sagte: Du hast durch die Hand deines Knechtes diese große Rettung gegeben, nun aber muss ich vor Durst sterben und in die Hand der Unbeschnittenen fallen!“ (Richter 15,15-18)

In der letzten Andacht über Simson haben wir gesehen, dass der Zustand des Volkes katastrophal war. Die Israeliten hatten weder nach Rettung zu Gott gerufen noch waren sie bereit ihren Retter Simson anzunehmen. Stattdessen lieferten sie ihn sogar ihren Unterdrückern, den Philistern aus (15,13b). Simson kam nun zu den Feinden Israels. Diese freuten sich sehr, dass Simson jetzt in ihren Händen war (15,14). Doch was dann passierte, hat wohl keiner von ihnen erwartet…

Simson findet einen Knochen eines Esels (den Unterkieferknochen um genau zu sein) und schlägt damit wild auf die Feinde ein. Er erschlägt im Kampfmodus 1000 Philister. Das ist eine sehr beachtliche Leistung und seine bis dahin größte Tat. Man könnte meinen, Simson habe nun begriffen, warum Gott ihn mit einer so großen Kraft ausgerüstet hat. Aber hat er in diesen Versen tatsächlich erkannt, dass er das Volk Israel von den Philistern befreien sollte? Was war sein Motiv für das Erschlagen der 1000 Mann?

Die biblische Geschichtsschreibung arbeitet beim Beschreiben von Menschen häufig mit anderen Ansätzen als wir. In unserer heutigen Zeit beschreiben wir Charaktere durch ihr Aussehen oder ihren Beruf, ihren Hintergrund oder ihre Familien. In der hebräischen Beschreibung werden Menschen oft durch das, was sie sagen und tun charakterisiert. Die Aussprüche eines Menschen offenbaren damit sozusagen die innerste Einstellung einer Person und verdienen daher besondere Aufmerksamkeit. Simson beginnt hier ein Lied zu singen und dieses Lied offenbart uns seine Einstellung zum Kampf gegen die 1000 Philister.

Das Lied ist recht kurz (V. 16) und auch recht eindeutig in seiner Aussage. Simson macht nichts anderes als sich selbst auf die Schulter zu klopfen und auszurufen, wie stark er ist. Er lobt und rühmt sich selbst. Wir können davon ausgehen, dass er den Kampf nur gesucht hat, um seine Kraft zu beweisen. Er erwähnt keineswegs die Feindschaft zwischen Israel und den Philistern (er geht ja später nochmal zu ihnen, um dort mit einer Frau zu schlafen), er erwähnt Gott nicht und er denkt, die gesamte Stärke käme von ihm selbst. Doch damit liegt er falsch.

Gott macht ihm auf sehr gnädige Art und Weise deutlich, dass Simson keinen einzigen Atemzug tun könnte, würde Gott es nicht wollen. Simson bekommt Durst und muss anerkennen, dass er sich selbst nicht helfen kann. Hier finden wir das erste Gebet von zwei Gebeten von Simson. Er schreit zu Gott (V. 18), weil Gott seine einzige Rettung ist. Noch immer finden wir keinerlei Anzeichen von wahrer Gottesfurcht oder Gotteserkenntnis, aber zumindest sieht Simson, dass er aus seiner jetzigen Situation selbst mit seiner Stärke nicht allein herauskommen kann. Simson wird gnädig von Gott gedemütigt und der starke Mann, der trotz seinem stolzen Handeln als Werkzeug Gottes gebraucht wurde, muss erkennen, dass Gott noch über ihm steht.

Wir finden in diesen Versen keine Reue Simsons. Wir sehen den weiteren Verfall eines Mannes, der nur aus eigenen Trieben handelt, statt seiner Rolle als Richter Israels gerecht zu werden. Aber wir sehen etwas noch viel Schöneres: Unseren Gott, der selbst die sturrsten, stärksten und lautesten Menschen verstummen lassen kann. Er selbst ist in der Lage, uns gnädig aufzuzeigen, wie abhängig wir doch eigentlich von ihm sind. Wir könnten keinen Atemzug tun, würde unser Gott uns nicht erhalten. Er nutzt Gutes und Böses, um mit seinen Kindern an sein Ziel zu kommen. Ihm die Ehre dafür!