Andachten

Ein starker schwacher Mann | 7/7

„Da rief Simson zu dem HERRN und sagte: Herr, HERR! Denke doch an mich und stärke mich doch nur diesmal noch, Gott, damit ich Rache nehmen kann an den Philistern – eine Rache nur für meine beiden Augen!“ (Richter 16,28)

Simson war ein starker Mann. Er hatte in seinem Leben oftmals unter Beweis gestellt, dass Gott ihm besondere Stärke geschenkt hatte. Er konnte einen Löwen mit bloßen Händen zerreißen, mit einem Knochen 1000 Philister töten, 300 Füchse fangen und riesige Ernten zerstören, ein Stadttor mehrere Kilometer weit tragen und er konnte sich aus allen damals bekannten Arten von Fesseln befreien. Simson war ein starker Mann.

Simson war ein schwacher Mann. Er hatte in seinem Leben oftmals unter Beweis gestellt, dass er in keiner Weise ein moralisches Vorbild war. Geistlich gesehen war er ein Wrack. In seinem Dienst als Retter Israels sieht er lediglich seine eigenen Ziele und sich selbst. Er heiratet eine feindliche Frau, hat während seines Lebens mehrere Beziehungen. Er ist hochmütig und liebt die Sünde, begibt sich in unnötige Gefahren und verlässt sich auf seine eigene Kraft. Er ist ein sex-besessener, stolzer und impulsiver Mann. Simson war ein schwacher Mann.

Letzte Woche konnten wir sehen, dass Simson sich auch in seinem letzten „Abenteuer“ daran erfreut, sich der Gefahr auszusetzen, um seine eigene Stärke zu proklamieren. Dabei ging er zu weit und wurde von seinen Feinden überwältigt und besiegt. Nun befindet er sich in einem Gefängnis und muss dort die Mühle drehen, um Getreide für seine Feinde zu mahlen. Er ist besiegt. Ihm bleibt außer seiner geistlichen Schwachheit nichts mehr übrig, weil alle körperliche Größe nun vorbei ist. Aber Gott ist mit diesem Wrack von einem Mann noch nicht am Ende und der größte Dienst Simsons steht noch bevor.

Eines Tages feiern die Gewaltigen der Philister ein Fest. Sie holen Simson dazu, der einige Späße machen soll und für sie tanzen muss. Während einer Pause darf Simson sich ausruhen und lässt sich zwischen die tragenden Säulen des großen Gebäudes stellen. Dann spricht er das oben geschriebene, kurze Gebet. Es ist das zweite Gebet, das wir von Simson finden und ist der absolute Höhepunkt der gesamten Geschichte Simsons. Warum? Weil das erste Mal gezeigt wird, warum Simson einer der Glaubenshelden aus dem Hebräerbrief ist. Es wird deutlich, dass Simson Gott ganz am Ende seines Lebens und am Ende seiner eigenen Kräfte vertrauen muss. Simson zeigt, dass er endlich verstanden hat, was jeder Gläubige verstehen muss: Seine eigene Schwäche und Unvollkommenheit, ohne die er keinerlei Chance hat. Simson musste durch sein tiefes Leid – die ausgestochenen Augen, die Demütigungen und Schmerzen – erkennen, dass seine Stärke nie aus ihm kam, sondern immer von Gott. Und zu diesem Gott betet er deshalb jetzt kurz vor dem Ende seines Lebens. Auch wenn das Gebet selbstbezogen erscheint (er will Rache nehmen wegen seiner Augen), offenbart es doch eine Sinnesänderung Simsons. Er verlässt sich vollständig auf Gott und erkennt seine eigene Abhängigkeit von seinem Schöpfer an. Er kann nicht mehr anders, als zu dem Gott zu schreien, der ihm als einziger Kraft geben kann. Er weiß nicht, ob Gott gnädig ist oder nicht, er muss darauf vertrauen, dass Gott durch ihn wirkt.

Dieser Höhepunkt der traurigen Geschichte eines von Gott mit großer Kraft ausgestatteten Richters zeigt uns etwas über Gottes Charakter. Für Gott ist niemand stark, groß oder mächtig. Jegliche Stärke kommt von Gott selbst. Und auf der anderen Seite ist niemand für Gott zu stolz, impulsiv oder schlecht, dass Gott ihn nicht demütigen und von seinen Sünden überführen könnte. Gott ist – und das finde ich die herrlichste Sache in diesem Text – sogar einem eigensinnigen Einzelkämpfer so gnädig, dass er ihm am Ende seines Lebens noch einmal Kraft gibt, um das letzte Mal seine Feinde zu vernichten. Wenn er Simson dazu bringen konnte, auf ihn zu vertrauen, dann kann er es bei uns auch. Wenn Gott bereit ist, stolzen und impulsiven, sex-besessenen und arroganten Personen gnädig zu sein, dann habe ich eine Chance, auch dazuzugehören. Wie wundervoll ist Gott und wie gnädig ist er!

Simson stirbt, weil Gott sein letztes Gebet erhört. Er reißt so viele Feinde mit in den Tod wie er es in seinem ganzen Leben nicht konnte. Simson war ein starker Mann, der erst durch seine Schwachheit zu wirklicher Stärke, zum lebendigen Glauben, kam. Gott wird hier ganz groß und der Mensch ganz klein.

Ich hoffe, dass diese Andachten dazu beitragen, dass wir geringer von uns denken, als wir es oft tun und dadurch höher von unserem großen Schöpfer reden, als wir es bis jetzt getan haben.

Weitere Ressourcen: Wer gerne meinen Poetry-Slam zu Simsons letzten Stunden hören möchte, kann dies auf https://www.youtube.com/watch?v=U0rhRS5QfS0 gerne tun.