Andachten

Der Straßenfeger

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)

Stell dir mal einen Künstler vor. Er bekommt von seiner Stadt den Auftrag, ein typisches Stadt-Bild zu erstellen. Er soll dabei eine typische Szene des Stadtgeschehens abbilden. Der Künstler begibt sich auf die Suche nach einem für die Stadt passenden Motiv. Ihm kommt ein stadtbekannter Straßenfeger in den Kopf. Dieser Straßenfeger arbeitet viele Stunden am Tag in den Gassen der Stadt und würde das zu malende Bild vervollständigen. Er hat einen langen und ungepflegten Bart, eine alte Mütze und zerschlissene Kleidung an seinem Körper. „Ja,“, denkt der Künstler, „dieser Straßenfeger würde perfekt in mein Bild passen.“ So fragt er den Arbeiter an und verspricht ihm viel Geld, wenn er sich von dem Künstler malen ließe. Der Straßenfeger stimmt dem Deal zu.

Am nächsten Morgen kommt der Straßenfeger zu dem Künstler, um sich von diesem malen zu lassen. Aber der Künstler schickt ihn augenblicklich wieder nach Hause zurück. Der Straßenfeger hatte sich nämlich gewaschen, neue Kleidung angezogen, seinen Bart rasiert und einen neuen Hut angelegt. Jetzt war er unbrauchbar für das Bild geworden. Er wurde als der arme und dreckige Straßenfeger gebraucht, nicht als gut gekleideter Mann von Welt. Der Künstler konnte ihn so nicht brauchen.¹

Ich bin oft wie dieser Straßenfeger. Vor Gott sollte ich eigentlich als der erscheinen, der ich bin – ein dreckiger und unschöner Sünder – aber ich putze mich heraus und versuche mich besser dazustellen, als ich eigentlich bin. Und ich glaube, dass das ein allgemeines Problem von uns Christen ist. Wir brauchen immer wieder das Evangelium, das uns zurecht weist. Wir kommen nicht vor Gott als „gute Menschen“ oder Leute, die in ihrem Leben alles richtig machen. Wir sind vollständig abhängig von ihm und er nimmt sich der Sünder an. Wir kommen zu ihm wie der Straßenfeger, weil er uns genau so will: Wie wir sind, mit all unseren Sünden und Lasten. Wir brauchen nicht erst so zu tun, als wären wir fromme und gute Menschen, denn wenn wir das tun, kann Gott uns nicht brauchen.

Ich möchte uns ermutigen, uns auch unseren Glaubensgeschwistern gegenüber nicht wie fromme oder gute Menschen aufzuführen. Das wird viel zu oft gemacht. Dadurch entstehen falsche Erwartungen, ein hoher Druck für alle um uns herum und die Gemeinde, die eigentlich ein Krankenhaus gebrochener Menschen sein sollte, wird zu einem komischen Museum scheinheiliger Heiliger gemacht.² Wir sind in erster Linie erst einmal Sünder vor einem heiligen Gott und durch das Anerkennen unserer Schlechtigkeit kann Gott uns aus unserem Dreck ziehen und uns rein waschen. Wir kommen zu unserem Künstler mit dreckigen Kleidern, weil wir nur bei ihm neue bekommen.

Lasst uns falsche Frömmigkeit ablegen und authentisches Leben anziehen. So können wir uns gegenseitig ermutigen, in Schwierigkeiten helfen und ehrlicher sein, als wir es so oft sind. Wir brauchen vor Gott keine Masken anzuziehen und auch zwischenmenschlich sind sie nicht hilfreich. Der Vers aus Römer fünf zeigt uns das: Das Evangelium sagt uns, dass unser Herr für uns gestorben ist als wir noch Sünder waren. Das bedeutet, dass wir nicht erst ein bestimmtes Heiligkeits-Level erreichen müssen, um vor ihn kommen zu können. Das darf uns demütig machen und in letzter Konsequenz große Freude auslösen, weil wir mehr und mehr erleben können, was es heißt, wahrhaftig (im Sinne von „authentisch“) im Licht Gottes zu leben. Ich hoffe, dass Gott uns und die Menschen unserer Gemeinden dahingehend verändert.

¹’² Das verwendete Bild des Künstlers und Straßenfegers habe ich von einer Predigt von Spurgeon übernommen, das Zitat kommt (in etwas anderer Form) von Timothy Keller.