Andachten

Halbherzige Geschöpfe

Wenn Sie heute zwanzig gute Menschen fragen würden, was ihrer Meinung nach die höchste Tugend ist, dann würden neunzehn von ihnen antworten: die Selbstlosigkeit. Aber wenn Sie den meisten bedeutenden, frühen Christen die gleiche Frage gestellt hätten, würde die Antwort lauten: die Liebe. Merken Sie, was hier geschehen ist? Ein negativer Ausdruck ist an die Stelle eines positiven getreten. Diese Tatsache ist von mehr als philologischer Bedeutung. Das negative Ideal der Selbstlosigkeit bedeutet nicht nur vorrangig, für andere Gutes tun zu wollen, sondern auch, selbst auf das Gute zu verzichten, als ob unser Verzicht das Wichtigste ist und nicht der Wunsch, andere glücklich zu machen. Das hat meiner Meinung nach nichts zu tun mit der christlichen Tugend der Liebe. Das Neue Testament spricht oft über Selbstverleugnung, aber nicht über Selbstverleugnung als Selbstzweck. Wir sollen uns selbst verleugnen und unser Kreuz auf uns nehmen, um Christus nachzufolgen; fast jede Schuldung über das, was wir schließlich finden werden, wenn wir das tun, beinhaltet einen Appell an unsere Wünsche.
Wenn die meisten modernen Menschen meinen, es sei schlecht, wenn wir uns das wünschen, was gut für uns ist, und ernstlich darauf hoffen, es auch zu genießen, dann behaupte ich: Diese Idee stammt von Kant und den Stoikern, ist aber kein Bestandteil des christlichen Glaubens. Wenn wir die kühnen Versprechen einer Belohnung und die fantastischen Aussichten auf Lohn in den Evangelien betrachten, scheint es, als ob unser Herr unsere Sehnsüchte nicht als zu stark empfindet, sondern als zu schwach. Wir sind halbherzige Geschöpfe, weil wir mit Alkohol, Sex und Ehrgeiz herumspielen, während uns unendliche Freude angeboten wird. Dabei gleichen wir einem unwissenden Kind in einem Elendsviertel, das weiter im Dreck spielt, weil es sich nicht vorstellen kann, was es bedeutet, Ferien am Meer angeboten zu bekommen. Wir sind viel zu leicht zufrieden zu stellen.

C.S. Lewis. The Weight of Glory and Other Addresses. Grand Rapids. 1965. S.1-2