Andachten

Entkräftigte Anklage

„Der Hohe Priester aber sprach: Ist das so? Er aber sprach: Ihr Brüder und Väter, hört! Der Gott der Herrlichkeit ist erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien war […] Und er gab ihm den Bund der Beschneidung; und so zeugte er den Isaak und beschnitt ihn am achten Tag, und Isaak den Jakob und Jakob die zwölf Patriarchen. […] In dieser Zeit wurde Mose geboren, und er war Gott angenehm; […] Als vierzig Jahre verflossen waren, erschien ihm in der Wüste des Berges Sinai ein Engel in der Feuerflamme eines Dornbusches. […] Der Herr aber sprach zu ihm: »Löse die Sandale von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land …« […] Unsere Väter aber wollten nicht gehorsam sein, sondern stießen ihn [Mose] von sich, wandten sich in ihrem Herzen nach Ägypten zurück und sagten zu Aaron: »Mach uns Götter …« […] Gott aber wandte sich ab und gab sie dahin, dem Heer des Himmels zu dienen, […] Unsere Väter hatten das Zelt des Zeugnisses in der Wüste, wie der, welcher zu Mose redete, befohlen hatte, es nach dem Muster zu machen, das er gesehen hatte. […] Salomo aber baute ihm [Gott] ein Haus. Aber der Höchste wohnt nicht in Wohnungen, die mit Händen gemacht sind, …“ (Apostelgeschichte 7,1-2.8.20.30.33.39-40.42.44.47-48)

Die Verteidigungsrede des Stephanus ist viel zu umfang- und inhaltsreich, als dass man auf alle Einzelheiten in einer kurzen Andacht eingehen könnte, deshalb habe ich mich auf die Hauptverse versucht zu beschränken, die den Punkt, den ich glaube, dass Stephanus machen wollte, aufzeigen sollen. Die Anklage, die vor dem Hohen Rat gegen Stephanus erhoben wurde haben wir uns bereits letztes Mal angeschaut und lautete: Dieser Mensch hört nicht auf, Worte zu reden gegen die heilige Stätte und das Gesetz (Kap. 6,13). Es gab wohl kein größeres Vergehen, dessen man sich zu dieser Zeit schuldig machen konnte, als gegen den Tempel und das Gesetz zu reden, welche Gottes Wohnung und sein Wort darstellten. Und wir stellen die gleiche Frage, die bereits der Hohe Priester dem Stephanus gestellt hatte: Hat Stephanus das wirklich getan?

Die Art und Weise, wie Stephanus seine Verteidigung beginnt und wie er auf die Frage des Hohen Priesters antwortet, finde ich deshalb so bemerkenswert, weil er sachlich und in einer demütigen Haltung seinen Anklägern gegenübertritt, obwohl er genau weiß, dass ihm bei einer Verurteilung das Todesurteil droht. Er beschimpft nicht die falschen Zeugen, sondern redet die Versammelten als Brüder und Väter an und zeigt ihnen dadurch, dass er sich zu dem selben Volk mit dessen Geschichte zugehörig fühlt, wie seine Ankläger es auch tun. Und so fängt Stephanus an bei Abraham, Isaak und Jakob über Josef und die Patriarchen bis hin zu Mose und der Gabe des Gesetzes, die Geschichte des Volkes Israel wiederzugeben. Dabei ist kein schlechter Ton über die Väter zu hören, nichts, was auf eine Missachtung oder Geringschätzung des Gesetzes schließen lassen könnte. Mit jedem Satz unterstreicht er ja gerade die Wichtigkeit und Autorität des Alten Testamentes und entkräftet zugleich den ersten Anklagepunkt, der gegen ihn vorgebracht wurde.

Bis zu diesem Punkt hätten ihm freilich alle aus dem Hohen Rat zugestimmt, doch dann folgt Vers 39 und beschreibt die Reaktion des Volkes auf das, von Gott gegebene, Gesetz: Sie wollten dem Gesetz nicht gehorsam sein und stießen Mose, der es ihnen gebracht hatte, von sich! Ja, sie wollten lieber zurück nach Ägypten in die Sklaverei, als Gott zu gehorchen. Und Gott? Er gab sie dahin, sodass sie dem Geschöpf die Ehre und Anbetung brachten, statt dem Schöpfer und sich immer tiefer in die Sünde verstrickten. Bereits hier macht Stephanus den Punkt deutlich, den Paulus in seinem Römerbrief einige Jahre später noch exakter herausarbeiten würde, nämlich, dass das Gesetz zwar gut ist, da es von Gott kommt, dass es aber den Sünder nicht retten kann, da es niemals dazu bestimmt war. Die Geschichte des Volkes Israel ist hierfür wohl der größte Beweis.

Doch wie verhält es sich mit der heiligen Stätte, mit der Stiftshütte und später dann mit dem Tempel? Hatte Stephanus sich vielleicht hier etwas zu Schulden kommen lassen? Auch diesen Vorwurf weißt Stephanus von sich und beschreibt, wie Gott selbst dem Mose das Vorbild für die Stiftshütte gegeben hatte und später dem Salomo erlaubte den Tempel zu bauen. Und obwohl die Herrlichkeit des Tempels so beeindruckend war, hatte bereits Salomo erkannt, dass das Haus diesen Gott nicht fassen konnte, für den die Erde nicht mehr als der Schemel für seine Füße ist. So macht Stephanus deutlich, dass der Tempel zwar einen bestimmten Zweck erfüllte aber deshalb nicht aus sich selbst heraus heilig ist und erst recht nicht automatisch die Gegenwart Gottes garantiere. War Gott dem Abraham nicht in dem götzendienerischem Umfeld in Ur begegnet, den Patriarchen in Ägypten und später Mose beim brennenden Dornbusch, obwohl sie keinen Tempel hatten?

Wir haben kein prachtvolles Gebäude nötig, damit uns Gott begegnen könnte, noch müssen wir das Gesetz halten, um gerecht vor Gott dazustehen, weil wir das ja gar nicht können, sondern was wir wirklich brauchen ist ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz. Dieses Herz wird Gott nicht verachten, sondern ihm nahe sein und ihm helfen (vgl. Ps 34,19; 51,19).