Andachten

Die letzte Stunde des ersten Märtyrers

„Als sie aber dies hörten, wurden ihre Herzen durchbohrt, und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn. Da er aber voll Heiligen Geistes war und fest zum Himmel schaute, sah er die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen; und er sprach: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen! Sie schrien aber mit lauter Stimme, hielten ihre Ohren zu und stürzten einmütig auf ihn los. Und als sie ihn aus der Stadt hinausgestoßen hatten, steinigten sie ihn.“ (Apostelgeschichte 7,54-58a)

Stephanus hatte vor dem Hohen Rat leidenschaftlich gepredigt und seine lange Ausführung der Geschichte Israels mit den Sätzen beendet:
Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr. […] Und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten vorher verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, die ihr das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht befolgt habt. (V. 51-53)
Und wie bereits einige Male zuvor bewirkte das Wort Gottes auch jetzt dieselbe Wirkung in den Herzen der Zuhörer, sodass die Predigt ihre Herzen durchbohrte. Sie verstanden nur zu gut, wen Stephanus als Gerechten bezeichnet hatte, für wessen Tod er ihnen die Hauptverantwortung zusprach. Doch konnten sie die Wahrheit nicht ertragen und so knirschen sie mit den Zähnen gegen Jesu Zeuge, statt sich zu demütigen, die Wahrheit anzuerkennen und von ihrem falschen Weg umzukehren.

Doch scheint es fast so, als hätte Stephanus davon nichts mitbekommen, da über ihn berichtet wird, dass er, voll Heiligen Geistes, fest zum Himmel schaute. In dieser so bedrohlichen Situation, in der sein Leben auf dem Spiel stand, schaut Stephanus nicht auf die Umstände, nicht auf die drohenden und mit den Zähnen knirschenden Juden um ihn herum, sondern hinauf zum Himmel. Und was tut Gott, während die Mächtigen der Erde gegen seinen Diener toben? Er gewährt seinem Diener einen Blick hinein in das buchstäblich Allerheiligste, wo Stephanus Jesus Christus zur Rechten Gottes stehen sieht. Als ob die Tatsache, dass dem Stephanus, als einer von nicht mal einer handvoll Menschen, dieser Blick in die Herrlichkeit gewährt wird, nicht schon außergewöhnlich genug ist, kommt noch dazu, dass Jesus ihm zeigt, dass er sich eigens für ihn von seinem Platz erhebt. Der, um Jesu Namen, Leidende ist dem Schöpfer des Universums nicht egal! Als ob Jesus seinem treuen Diener zu verstehen geben wollte, dass er ihn erwarten und ihn auch in seinen letzten Stunden auf dieser Erde nicht verlassen würde, steht der Richter der ganzen Erde auf.

Wahrscheinlich kann kein Mensch, der einen Blick in Gottes Gegenwart tun darf, einfach schweigend weitermachen, als wäre nichts geschehen und so berichtet auch Stephanus den umstehenden Juden, was er in diesem Moment sieht. Doch sogleich entlädt sich der ganze Zorn und Hass, der sich über die letzten Wochen angestaut hatte, über Stephanus. Dass er Jesus als Sohn des Menschen neben Gott stehend beschrieb, war zu viel für die Juden, die zwangsläufig an Jesu Worte erinnert wurden, die er zu dem Hohen Priester auf die Frage hin geantwortet hatte, ob er der Christus sei: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels (Mt 26,64). Vor ihren Augen war Jesu Ankündigung in Erfüllung gegangen! Doch das würde ja bedeuten, dass es stimmte, dass sie den Messias ermordet hatten und das konnte, nein durfte einfach nicht wahr sein und so blieb den unbußfertigen Juden keine andere Möglichkeit übrig, als den Zeugen erst tot zu schreien und dann tot zu steinigen, damit er ein für alle Mal zum Schweigen gebracht würde.

Und während die hasserfüllte Menge Stephanus vor die Stadt schleift und einen Stein nach dem anderen gegen seinen Körper schmettert, sehen wir, wie selbst im Angesicht des sicheren Todes der erste Märtyrer der Kirchengeschichte, von dem uns berichtet wird, dem Beispiel seines Herrn folgt, indem er für seine Feinde bittet und schlussendlich seinen Geist in die guten Hände dessen übergibt, der ihn geschaffen und bereits vor Grundlegung der Welt erwählt hatte.